{"id":764,"date":"2014-07-03T03:35:38","date_gmt":"2014-07-03T01:35:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.einmetjennahmenspreetzen.de\/wordpress\/?page_id=764"},"modified":"2014-07-03T04:14:40","modified_gmt":"2014-07-03T02:14:40","slug":"wahn-und-vernunft-kringeln-sich","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/www.einmetjennahmenspreetzen.de\/wordpress\/wahn-und-vernunft-kringeln-sich\/","title":{"rendered":"\u201eWahn und Vernunft kringeln sich\u201c"},"content":{"rendered":"<h3>Wie erinnert man sich an einen Malefizprozess?<br \/>\nEin Gespr\u00e4ch zwischen Gerald Koll (Buch, Regie) &#038; J\u00f6rg Meyer (Musik)<\/h3>\n<div style=\"text-align: justify;\">\nJ\u00d6RG MEYER: Urspr\u00fcnglich, also vor vier Jahren, wolltest Du doch einen Dokumentarfilm drehen. Was ist daraus geworden?<\/p>\n<p>GERALD KOLL: Ich w\u00fcrde sagen: ein H\u00f6rspiel mit Bildern.<\/p>\n<p>J\u00d6RG MEYER: Wieso kein klassischer Dokumentarfilm?<\/p>\n<p>GERALD KOLL: Also mit Experteninterview und Reenactments? Mich st\u00f6rt daran oft, dass solche Dokumentarfilme zu selbstgef\u00e4llig sind: Experten f\u00e4llen Urteile im Bewusstsein moralischer \u00dcberlegenheit. Reenactments sind meist ein mieser Notbehelf voller Klischees und historischer Fehler.<\/p>\n<p>J\u00d6RG MEYER: Was k\u00f6nnte man anders machen?<\/p>\n<p>GERALD KOLL: Man k\u00f6nnte sie aus dem Spiel lassen: die Experten, Reenactments und vor allem die Moral. Ich suche einen Weg, die Vergangenheit selbst zu Wort kommen zu lassen. In diesem Fall ist das <a href=\"http:\/\/www.einmetjennahmenspreetzen.de\/wordpress\/anje-preetzen\/\">Anje Preetzen<\/a>. Sie brachte den Prozess ins Rollen, indem sie ihre <a href=\"http:\/\/www.einmetjennahmenspreetzen.de\/wordpress\/trinke-preetzen\/\">Stiefmutter<\/a> der Hexerei bezichtigte. Wir h\u00f6ren, was sie zu erz\u00e4hlen hat und machen so den Wahrnehmungshorizont des 17. Jahrhunderts sichtbar. Zu dieser Zeit blickt man anders auf die Welt. Wer nachts einen Baum ansieht, ist nicht romantisch verzaubert, sondern hat Angst vor D\u00e4monen, die im Ge\u00e4st lauern. Das \u00e4ndert alles.<\/p>\n<p>J\u00d6RG MEYER: Die Moral aus dem Spiel lassen? Was ist falsch daran, Hexenverbrennungen zu verurteilen?<\/p>\n<p>GERALD KOLL: Nichts, aber ich zweifle, ob moralische Verurteilungen dabei helfen, Hexenverbrennungen und \u00e4hnliche \u2013 aktuelle \u2013 Prozesse massiver Diskriminierung zu verstehen. Schuldzuweisung und Emp\u00f6rung helfen nicht weiter. Die Frage w\u00e4re doch: Was steckt dahinter?<\/p>\n<p>J\u00d6RG MEYER: Und das w\u00e4re?<\/p>\n<p>GERALD KOLL: Angst. Angst in allen ihren Auspr\u00e4gungen. Angst vor Rechtsbruch. Angst davor, das Risiko einzugehen, dass wom\u00f6glich doch Hexen in <a href=\"http:\/\/www.einmetjennahmenspreetzen.de\/wordpress\/kiel-im-jahr-1676\/\">Kiel<\/a> ihr Unwesen treiben. Wer konnte das ausschlie\u00dfen? Anje bestimmt nicht.<\/p>\n<p>J\u00d6RG MEYER: Wei\u00df man, was Anje Preetzen gedacht und gesehen hat?<\/p>\n<p>GERALD KOLL: Nein. In den Protokollen steht dar\u00fcber nat\u00fcrlich nichts. Die Frage ist, ob diese 13-j\u00e4hrige Dienstmagd ihre Umgebung \u00fcberhaupt mit \u201eeigenen\u201c Augen interpretieren konnte. Ich w\u00fcrde vermuten: Nein. Sie, die nichts selbst entscheidet oder beurteilt, hat Folge zu leisten. Sie ist insofern eine passive Leerstelle, die mit Bildern ihrer Umgebung \u2013 also Kirche, Obrigkeit, Nachbarn \u2013 gef\u00fcllt ist. Deshalb sagt der Film, die Erinnerung sei eine \u201egeliehene Galerie\u201c.<\/p>\n<p>J\u00d6RG MEYER: Etwas bem\u00fcht, die Poesie &#8230;<\/p>\n<p>GERALD KOLL: Mmh.<\/p>\n<p>J\u00d6RG MEYER: Auch die Wissenschaft kommt zu Wort. Davon d\u00fcrfte das M\u00e4dchen wenig erfahren haben.<\/p>\n<p>GERALD KOLL: Keine Frage, es ist ein erz\u00e4hlerisches Man\u00f6ver, das M\u00e4dchen in die <a href=\"http:\/\/www.einmetjennahmenspreetzen.de\/wordpress\/christian-albrechts-universitaet\/\">Kieler Akademie<\/a> zu verfrachten. Ich wollte nicht auf die Bilder und Visionen der damaligen Wissenschaft verzichten. Sie sagen viel aus \u00fcber das Weltbild dieser Zeit. Das M\u00e4dchen ist \u2013 mit seinen heute 350 Jahren \u2013 eine sehr abstrakte Figur und zugleich eine manische Sammlerin all dieser Bilder.<\/p>\n<p>J\u00d6RG MEYER: Aber ob die historische Anje Preetzen auch nur eines davon jemals gesehen hat?<\/p>\n<p>GERALD KOLL: Vielleicht nicht. Man m\u00fcsste sogar sagen: h\u00f6chstwahrscheinlich nicht. Es ist Erfindung, aber die Grenze zwischen Erfindung und Fund ist d\u00fcnn. Es sind ja lauter Fundst\u00fccke. Sowohl Bilder als auch Drehbuch sind eine Art Collage, zusammengesetzt aus Bildern und <a href=\"http:\/\/www.einmetjennahmenspreetzen.de\/wordpress\/quellen\/\">Quellenzeugnissen<\/a>. Was man h\u00f6rt, ist recherchiert in den Quellen. Was man sieht, entspringt zumeist dem 17. Jahrhundert. Es ist ein Blick der Zeit auf sich selbst.<\/p>\n<p>J\u00d6RG MEYER: Was interessiert die Figur denn?<\/p>\n<p>GERALD KOLL: Alles. Und zwar sehr genau. Sie will wissen, wie genau in Kiel <a href=\"http:\/\/www.einmetjennahmenspreetzen.de\/wordpress\/folter\/\">gefoltert<\/a> wurde. Wer in welchem Haus wohnte. Wor\u00fcber gerade geforscht wurde. Wo genau die <a href=\"http:\/\/www.einmetjennahmenspreetzen.de\/wordpress\/richtstaette\/\">Richtst\u00e4tte<\/a> war (nicht etwa auf dem Kreienbarg, also Kr\u00e4henberg, sondern am heutigen Jungfernstieg), wo der verrufene Hexenversammlungsplatz, der \u201ed\u00fcstern bergk\u201c war (nicht etwa im D\u00fcsternbrook, sondern auf dem Kahlenberg bei Schilksee). Sie ist eine Historikerin, die unbedingt alles ganz genau wissen will.<\/p>\n<p>J\u00d6RG MEYER: Vielleicht hatte das M\u00e4dchen Probleme mit seiner Stiefmutter.<\/p>\n<p>GERALD KOLL: M\u00f6glich, aber pers\u00f6nliche Motive sind weder belegbar noch ergiebig, wenn man verstehen will, weshalb so eine Hexenverbrennung unausweichlich war. Mein Ansatz ist da anders: Niemand hat ein Interesse an dem Prozess, aber keiner kann sich gegen die Indizien wehren.<\/p>\n<p>J\u00d6RG MEYER: Nun ist das 17. Jahrhundert recht fern. Es ist die Wartezeit zwischen Reformation und Aufkl\u00e4rung, ein Loch, gef\u00fcllt mit Drei\u00dfig-j\u00e4hrigem Krieg.<\/p>\n<p>GERALD KOLL: Stimmt, aber hier ereignen sich Umbr\u00fcche und Umw\u00e4lzungen. Die Wissenschaft ist zugleich bibeltreu und unglaublich neugierig auf alles Unbekannte. In den Kunst- und Naturalienkammern stapelt sich die Beute der Expeditionen. Newton betreibt Alchemie. In den Laboren entdeckt man im neuen Mikroskop all die winzigen d\u00e4monischen Monster, die Gottes Natur zerst\u00f6ren. Fortschritt verl\u00e4uft \u00fcber R\u00fcckschritte. Wahn und Vernunft kringeln sich. Vielleicht kein Zufall, dass die Per\u00fccken immer lockiger werden.<\/p>\n<p>J\u00d6RG MEYER: Der Barock ist uns nicht so fern, wie man denkt. Im Film f\u00e4llt doch einmal das Jahr 1739 als Datum des voraussichtlichen Weltuntergangs. Der Mensch des 17. Jahrhunderts st\u00fcrmt dem Untergang gleichsam entgegen. Wie wir. Und dann Bach! Johann Sebastian Bach war ja auch in seiner \u201eper\u00fcckenden\u201c R\u00fcckw\u00e4rtsgewandheit enorm zukunftsweisend, in seiner Zeit quasi \u00fcberzeitlich. Bach, ein durch und durch barocker Mensch, verbindet in seiner Musik das Alt- mit dem Allzeitlichen, \u00fcberwindet damit den Barock, indem er ihn auf die Spitze und ins \u00dcbermorgen treibt.<\/p>\n<p>GERALD KOLL: Nun zwang ich Dich ja aber auch in die Noten des Schleswiger Hof-Komponisten Augustin Pfleger, der 1665 die <a href=\"http:\/\/www.einmetjennahmenspreetzen.de\/wordpress\/musik\/\">Musik<\/a> zur Einweihung der Kieler Universit\u00e4t beisteuerte. Furchtbar olle Musik, findest Du nicht? Bach stand noch in den Sternen.<\/p>\n<p>J\u00d6RG MEYER: D\u2019accord. Pflegers <a href=\"https:\/\/soundcloud.com\/oegyr\/sets\/augustinus-pfleger-odae\" target=\"_blank\">\u201eOdae Concertantes\u201c<\/a> waren schn\u00f6de Loblieder auf die jeweiligen Herrscher \u2013 ganz konventioneller \u201ePop des Barock\u201c. Gleichwohl enth\u00e4lt der s\u00e4mtliche Affekte, dem barocken Menschen entschl\u00fcsselbar wie uns heute die Versatzst\u00fccke eines Pop-Songs. Seine \u201eOdae\u201c sind simpel aber handwerklich gut gemacht. Eine Alltagsmusik des 17. Jahrhunderts, die wir f\u00fcr den Film wiederentdeckten. Wir haben sie wohl erstmals seit 350 Jahren wieder zum Klingen gebracht.<\/p>\n<p>GERALD KOLL: Und deine eigene Musik zum Film?<\/p>\n<p>J\u00d6RG MEYER: Die versucht den Geist des Barock wachzurufen, ohne die 350 Jahre zu verleugnen, die zwischen Pfleger, meinem geliebten Bach und mir liegen, und auch nicht die Erfahrung der Moderne. Ich bin dabei so handwerklich \u201estoppelnd\u201c wie Pfleger, weil es Auftragsmusik ist \u2013 und ich nur ein Gelegenheits- und Hobby-Komponist. Ich setzte mir die Per\u00fccke auf, die ich freilich neu frisierte. Ich war und wollte auf Anjes <a href=\"http:\/\/www.einmetjennahmenspreetzen.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/auff-dem-d\u00fcstern-bergk.mp3\" target=\"_blank\">\u201ed\u00fcstern bergk\u201c<\/a> \u2013 und mich da mit ihr f\u00fcrchten.\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie erinnert man sich an einen Malefizprozess? Ein Gespr\u00e4ch zwischen Gerald Koll (Buch, Regie) &#038; J\u00f6rg Meyer (Musik) J\u00d6RG MEYER: Urspr\u00fcnglich, also vor vier Jahren, wolltest Du doch einen Dokumentarfilm drehen. Was ist daraus geworden? GERALD KOLL: Ich w\u00fcrde sagen: ein H\u00f6rspiel mit Bildern. J\u00d6RG MEYER: Wieso kein klassischer Dokumentarfilm? GERALD KOLL: Also mit Experteninterview [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","template":"page-templates\/front-page.php","meta":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.einmetjennahmenspreetzen.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/764"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.einmetjennahmenspreetzen.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.einmetjennahmenspreetzen.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.einmetjennahmenspreetzen.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.einmetjennahmenspreetzen.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=764"}],"version-history":[{"count":7,"href":"http:\/\/www.einmetjennahmenspreetzen.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/764\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":775,"href":"http:\/\/www.einmetjennahmenspreetzen.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/764\/revisions\/775"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.einmetjennahmenspreetzen.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=764"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}